Erleben · Übung 7 von 7

Die Würdefrage

Die Würdefrage: ein einziger, ruhiger Atemzug, eine Hand auf der Brust.
Die Würdefrage: ein einziger, ruhiger Atemzug, eine Hand auf der Brust.
● Grundregel: kleine Dosis, jederzeit abbrechbar, nie erzwungen.

Diese letzte Übung ist die einzige in diesem Kapitel, bei der ich dich bitte, sie besonders vorsichtig zu lesen, bevor du sie ausprobierst. Es geht dabei um Scham, das Gefühl, das wir in Kapitel 8 als Hüterin der Würde kennengelernt haben. [→ Kap. 8] Ziel dieser Übung ist ausdrücklich nicht, Scham tiefer zu fühlen oder sich ihr auszusetzen. Wenn Scham bei dir chronisch, überwältigend oder mit Dissoziation verbunden ist, ist diese Übung kein Ersatz für Begleitung durch eine Fachperson, sondern höchstens eine kleine Ergänzung dazu.

Die Übung setzt an einem sehr kurzen, alltäglichen Moment an, nicht an einer großen, aufgewühlten Scham-Erfahrung. Bemerkst du im Alltag ein vertrautes kleines Signal, Hitze im Gesicht, den Impuls, den Blick zu senken, dich kleiner zu machen oder aus einer Situation zu verschwinden, halte für einen einzigen Atemzug inne, nicht länger. Stelle dir dann, nur innerlich, eine einzige Frage, die Würdefrage: Welches meiner Grundbedürfnisse wurde hier gerade berührt, Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit oder Integrität?

Du musst diese Frage nicht ausführlich beantworten. Es reicht, ein einziges Wort innerlich zu benennen, so wie du es aus dieser Liste erkennst. Dann sprichst du dir, ebenfalls nur innerlich, einen einzigen Satz zu, in etwa: Das ist Scham, nicht weil ich falsch bin, sondern weil gerade mein Bedürfnis nach [dem benannten Wort] nicht gesehen wurde. Diese Übersetzung von „ich bin falsch“ zu „hier wurde etwas verletzt, das Schutz verdient hätte“ ist der eigentliche Kern der Übung, sie holt Scham aus der Identitätsebene zurück auf die Ebene eines verständlichen Signals.

Zum Abschluss legst du, wenn du magst, kurz eine Hand auf die Brust oder einen anderen Ort, der sich beruhigend anfühlt, und lässt den Gedanken zu, dass diese Scham einmal ein Schutz war, und dass du heute prüfen darfst, ob du sie noch in dieser Stärke brauchst. Mehr nicht. Kein Nachspüren, kein Vertiefen. Die Würde, um die es hier geht, zeigt sich gerade darin, dass du dir selbst gegenüber nicht mehr verlangst, als in diesem Moment gut für dich ist.